Gibt es Widersprüche in der Sunnah?

Dr. Mahmoud Zakzouk antwortet:

Die Authentizität der Sunna wird vor allem mit der Behauptung angegriffen, dass sie Widersprüche enthalte. Daher will ich auf diese Frage näher eingehen.

  1. Der Koran fordert die Muslime auf, sich der Führung des Propheten zu unterwerfen. Dazu heißt es im Koran:

         “Was der Gesandte euch nun (aus diesem seinem Verfügungsfonds) gibt, das nehmt an! Aber verzichtet auf das, was, was er euch verwehrt!”

         (59:7).

         “Wenn einer dem Gesandten gehorcht, gehorcht er (damit) Gott”

         (4:80).

         Die Propheten-Überlieferungen umfassen, was nach der Lehre des Propheten uns erlaubt oder verboten ist. Aus diesem Grunde sind sie ein wichtiger Teil des Glaubens des Islam, und wenn wir sie vernachlässigen, handeln wir gegen das Gebot des Korans.

  1. Die Unterscheidung zwischen den echten und unechten Überlieferungen stellt kein Problem dar, nachdem die islamischen Gelehrten vor vielen Jahrhunderten diese Angelegenheit geregelt hatten. Man kann nicht auf die Propheten-Überlieferungen verzichten, da sie die zweite Hauptquelle des Islam bilden. Wir müssen den Lehren der Hadithe folgen und uns darüber klar sein, dass wir dank der islamischen Forschung die echten Hadithe von den widersprüchlichen Hadithen unterscheiden können.
  1. Die Überlieferungen des Propheten verdeutlichen, was im Koran verkündet werden sollte. Wieso sollte man die Interpretation der Verse des Korans durch den Propheten selber aufgrund von eingebildeten Ideen aufgeben? Wir Muslime vollziehen z.B. unsere täglichen Gebete nach dem, was uns die Überlieferungen vorgeschrieben haben. Die Einzelheiten, wie man zu beten hat, sind nicht im Koran erwähnt. Vieles andere wird uns durch die Überlieferungen vorgeschrieben.
  1. Die heiligen Bücher der Offenbarungsreligionen vor dem Islam sind in derselben Art und Weise wie die Propheten-Überlieferungen geschrieben worden. Keiner der Anhänger dieser früheren Religionen (Judentum und Christentum) hat verlangt, diese Religion aufzugeben, da einige Widersprüche existieren oder einige Erzählungen nicht verifiziert werden können. Die Logik verlangt in solchen Fällen, die Echtheit dieser Überlieferungen zu beweisen. Das haben die islamischen Gelehrten seit mehreren Jahrhunderten getan.

Kann die Authentizität der Sunnah angezweifelt werden?

Dr. Mahmoud Zakzouk antwortet:

Viele westliche Orientalisten bezweifeln die Authentizität der Propheten- Überlieferungen (Sunnah). Goldziher betrachtet sie als eine Erfindung der Muslime in der frühislamischen Zeit.1

Wir argumentieren:

  1. Die Sunna ist die zweite Hauptquelle des Glaubens des Islam nach dem Koran. Der Prophet ist beauftragt worden, die göttliche Offenbarung zu verkünden. Gleichzeitig sollte er sie erklären. Die Sunna, also die Propheten-Überlieferungen, beinhaltet seine Interpretation des Korans, sein Verhalten, seine Taten und seine Ratschläge. Der Prophet selber hat darauf hingewiesen, der Sunna zu folgen, wie aus seiner berühmten Abschiedsrede hervorgeht: “Ich habe euch zwei Dinge hinterlassen, und wenn ihr euch nach ihnen richtet, werdet ihr nie irregeführt werden. Dies sind der Koran und meine Sunna”.
  1. Wir geben zu, dass eine Anzahl von diesen Überlieferungen irrtümlich dem Propheten zugeschrieben worden sind. Es ist eine Tatsache, die niemals geleugnet wurde und die den Gelehrten immer gegenwärtig war. Deswegen haben sie stets jede Überlieferung des Propheten (Hadith) auf ihre Echtheit hin überprüft. Der Koran hat als ein wichtiges Kriterium für jede Kritik folgendes festgelegt: 

“Ihr Gläubigen! Wenn ein Frevler mit einem Gerücht (w. mit einer Kunde) zu euch kommt, dann pass genau auf (ob die Sache auch stimmt), (….)’’

         (49:6).

         Die Persönlichkeit, der Charakter und das moralische Verhalten einer jeden Person, welche einen Hadith des Propheten überlieferte, wurde bei der Beurteilung der Authentizität des Hadith berücksichtigt. Diese Methode der Kritik wurde ebenfalls wichtig für die Entwicklung der historischen Forschung.

  1. Wegen der Bedeutung der Prophetenüberlieferung für den Islam haben die Gelehrten ihr Äußerstes getan, die Sunna rein zu halten und die echten Überlieferungen Stück für Stück von den unechten zu unterscheiden. Dadurch entstanden neue Wissenschaften, die sich mit der Sunna beschäftigten: die Wissenschaft der Zuschreibung der Hadithe, der Argumentation bezüglich der Authentizität und der Anpassung, die sich alle mit den Erzählern der Hadithe beschäftigten, mit ihrem Charakter usw. Der Prophet selber hat vor der Verfälschung seiner Überlieferung gewarnt. Er sagte: “Wer mir absichtlich falsche Überlieferungen zuschreibt, wird seinen Ort in der Hölle finden.”
  1. Einer der vielen Gelehrten, die sich um die Authentizität der Hadithe ihr ganzes Leben lang bemühten, war Imam El-Bukhari (810-870). Er hat über eine halbe Million Überlieferungstexte gesammelt, die dem Propheten zugeschrieben worden waren. Nach gründlichen und methodischen Untersuchungen übernahm er aber nur neuntausend Überlieferungen für seine Hadith-Sammlung(Sahih El-Bukhari). Dies war das Ergebnis einer präzisen wissenschaftlichen Forschung, welche strengen Bedingungen unterlag. Wenn wir die Überlieferungstexte, die fast denselben Inhalt wiedergeben, weglassen, dann bleiben im Sahih El-Bukhari ungefähr dreitausend Texte übrig. Viele andere Hadith-Gelehrte folgten seinen Methoden.
  1. Als Ergebnis dieser Hadith-Wissenschaft wurden schließlich von den Muslimen 6 Werke auf diesem Gebiet als Autoritäten anerkannt: Sahih Al Bukhari, Sahih Muslim, Sunan Al Nasa’i, Abu Dawud, Tirmidhi und Ibn Maga. Es gibt ferner viele islamische Veröffentlichungen, die auf die abgelehnten Überlieferungstexte Bezug nehmen. Es ist ganz evident, dass die muslimischen Gelehrten sehr sorgfältig und mit großer Hingabe die authentischen Sammlungen der Hadithe herstellten, so dass es unbegründet erscheint, wenn diese bezweifelt werden1

1 Dar ul-Ma‘ arif: Orientalismus und der gedankliche Hintergrund des Kulturkonfliktes, 1997, S. 106 ff.

 

1 vgl. Iqbal, Mohammad: Erneuerung des religiösen Denkens im Islam, S.160 ff.

 

Hat Muhammad den Islam ausschließlich den Arabern verkündet?

Dr. Mahmoud Zakzouk antwortet:

  1. Ganz am Anfang als der Prophet Muhammad seine Botschaft dem Volk verkündete, sagte er: “Zu Euch bin ich speziell gesandt worden und zugleich zur Menschheit insgesamt.” Das bedeutet, dass diese göttliche Botschaft von Anfang an allen Menschen gesandt wurde. Der Islam wurde niemals vom Propheten als eine spezifisch arabische Religion gepredigt, sondern ist eher eine Religion, die für die ganze Menschheit gedacht ist. Dies wird auch in einem Hadith (d.h. prophetische Überlieferung) bestätigt: “Jeder Prophet wurde zu seinem Volk gesandt, und ich bin zu der ganzen Menschheit gesandt worden.”2
  1. Jeder, der den Koran liest, kann ganz klar verstehen, dass der Koran an alle Menschen gerichtet ist, damit sie an die Religion Gottes glauben. Dieser spezifische Charakter des Islam erscheint eindeutig klar in den Koranversen,   die in Mekka, vor der Auswanderung des Propheten nach Medina, offenbart wurden:

         “Und wir haben dich gesandt, um den Menschen in aller Welt Barmherzigkeit zu erweisen.”

         (12:107)

         Die erste Sure am Anfang des Korans ist “Die Eröffnerin”, “Al-Fatiha”. Sie beginnt mit den Worten:

         “Lob sei Gott, dem Herrn der Menschen in aller Welt,”

         (1:2).

         Diese Sure ist in Mekka vor der Auswanderung nach Medina offenbart worden, bevor die Muslime einen Staat in Medina gründeten.

3.       Aus den vorangehenden Erörterungen wird deutlich, dass der Prophet keine Veränderungen in seinen Plänen unternahm, sondern die religiösen Pflichten und die islamischen Vorschriften stufenweise gepredigt hat. Das ist logisch und natürlich, denn es ist unmöglich, die Lebensgewohnheiten der Menschen von heute auf morgen zu ändern. Alte Gewohnheiten sind schwer abzuschaffen. Der Islam hat von Anfang an sich darum bemüht, den Glauben in die Seele und in den Geist der Menschen zu pflanzen, um daraufhin stufenweise die Lebensgewohnheiten der Menschen ändern zu können. Der Islam hat diese Methode in vielen Gesetzgebungen verwendet, wie z.B bei dem allmählichen Verbot des Alkohols, dem Verbot der Wucherzinsen und der Abschaffung der Sklaverei usw. In der Periode in Mekka wurde der Glaube fest eingeprägt, und dementsprechend galt diese Zeit als die Grundlage, welche es möglich machte, in der Periode in Medina weitere religiöse Gesetze und Bestimmungen aufzustellen.

2  von Al-Buchari in unterschiedlichen Kapiteln überliefert, z.B. dem Kapitel für Tayyamum (Symbolische Reinigung).

 

Gibt es Zweifel an der Authentizität des Qurans?

Dr. Mahmoud Zakzouk antwortet:

  1. Es gab bekannte Schreiber unter den Gefährten des Propheten, die er selber ausgewählt hatte, um die Koranverse, die er ihnen nach der göttlichen Offenbarung diktierte, schriftlich festzuhalten. Als Schreibmaterial benutzten sie was vorhanden war, wie z.B. Pergament, Holz, Lederstücke, Steine oder Knochen. Laut islamischen Quellen betrug die Zahl der Offenbarungsschreiber neunundzwanzig. Die bedeutendsten darunter sind die vier Kalifen: Abu Bakr, Omar, Osman und Ali. Moawya,

 

 Subeir Ibn El Swam, Saied Ibn El Aas, Amr Ibn El Aas, Obay Ibn Kaab und Zeid Ibn Thabet gehören zu den berühmten Koranschreibern.

 

  1. Neben der Aufschreibung der göttlichen Offenbarung gab es auch zugleich das Auswendiglernen und das Rezitieren des Korans. Diese Tradition blieb bis zu unserer heutigen Zeit lebendig. Die Zahl der “Rezitatoren”, die zu Lebzeiten des Propheten den Koran auswendig lernten und mündlich vortrugen, betrug mehrere hunderte von seinen Gefährten. Der Prophet erzählte, dass er jedes Jahr während des Monats Ramadan in Anwesenheit des Engels Gabriel eine Revision der bisher offenbarten Koranverse vorgenommen hatte. Im letzten Ramadan vor seinem Tode hat der Engel Gabriel mit ihm den ganzen Koran zweimal wiederholt. Die Schreiber haben nach den Instruktionen des Propheten den Koran in seiner endgültigen Fassung geschrieben und jeden Vers an seiner Stelle im Koran plaziert.

 

  1. Ein Jahr nach dem Tode des Propheten wurden siebzig der Koran-rezitatoren in der El Yamama Schlacht gegen Mossailama, den Lügner getötet. Gleich darauf beauftragte der Kalif Abu Bakr aufgrund des Vorschlags von Omar ibn El Khattab, Zeid Ibn Thabet, einen der Koranschreiber, die verschiedenen Korandokumente zu sammeln und sie in einer schriftlich fixierten Fassung, die leicht benutzbar ist, auf-zuschreiben. Kriterien für die Authentizität des gesammelten Textes wurden festgelegt: Kein Manuskript wurde zugelassen, wenn nicht zwei Zeugen aussagten, dass dieser Text vom Propheten diktiert wurde. Selbstverständlich spielten die Gefährten des Propheten, die den Koran auswendig gelernt hatten, hierbei eine entscheidende Rolle. Nachdem Zeid seine Aufgabe erfüllt hatte, gab er Abu Bakr diese vollständige Fassung des Korans, welcher sie Ibn El Khattab vor seinem Tode übergab. Dieser übergab sie seinerseits vor seinem Tode seiner Tochter Hafsa.

 

  1. Unter der Herrschaft des Kalifen Osman wurde ein Ausschuß von vier Schreibern gebildet, darunter war auch Zeid Ibn Thabet. Dieser Aus-schuß schrieb fünf Kopien des Korans, die dann nach Mekka, Medina, Basra, Dufa und Damaskus gesandt wurden. Diese Exemplare wurden nach der Fassung, die bei Hafsa, der Mutter der Gläubigen, aufgeoben war, niedergeschrieben. Der Ausschuß hat diese Exemplare mit den auswendig gelernten Koranversen der Rezitatoren aus der Lebzeit des Propheten Muhammad verglichen. Dies ist der Mushaf, der seitdem in der gesamten islamischen Welt als einheitliche Koranfassung bis heute als mustergültig und unverändert gilt. Kein einziger Muslim hat jemals in vierzehn Jahrhunderten die Gültigkeit dieser überall verbreiteten Koranausgabe bestritten. Viele Orientalisten, darunter Leblois, Muir und der zeitgenössische Orientalist Rudi Paret, haben diese Tatsache bestätigt. Paret schreibt in der Einleitung seiner Koranübersetzung: “Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass auch nur ein einziger Vers im ganzen Koran nicht von Muhammad selber stammt.” Er will damit sagen, dass man nicht behaupten kann, dass irgendjemand nach dem Tode des Propheten Muhammad in dem Korantext irgendein Wort geändert habe 1. Es wurde niemals bewiesen, dass es andere Fassungen gab, die mit der authentischen Fassung, die während Osman’s Herrschaft schriftlich fixiert wurde, nicht vollkommen identisch sind. Hätten die Gefährten des Propheten andere Fassungen gehabt, dann hätten sie sie vorgezeigt und die zugelassene, genehmigte Ausfertigung bestritten. Dies ist jedoch während der ganzen islamischen Geschichte niemals behauptet worden. Sogar abgesonderte islamische Sekten wie z.B. die zeitgenössische El-Ahmadeya akzeptieren denselben Korantext wie alle anderen Muslime.

1 Vgl. Paret, Rudi: Der Koran. Übersetzung, Stuttgart 1980, S.5. Ebenfalls : Draz, M.A.: Einführung in den Heiligen Koran, S.34 ff.

Wurde der Koran fabriziert nach den Vorlagen der vorhergehenden Offenbarungsbücher?

Dr. Mahmoud Zakzouk antwortet:

1.     Wenn es wirklich stimmen würde, dass der Inhalt des Korans einfach nur von den früheren Offenbarungsschriften übernommen wurde, dann hätten die Zeitgenossen des Propheten Muhammad und seine Gegner darauf hingewiesen. Sie hätten ihm deswegen Vorwürfe gemacht. Alle Angriffe der Gegner Muhammads waren unbegründet und ermangelten der Beweise. Der Koran selber hat diese falschen Aussagen (wie bereits erwähnt) widerlegt.

2.     Der Koran beinhaltet viele Richtlinien und Gesetzgebungen, die in keinem anderen Offenbarungsbuch vorkommen. Der Koran berichtet darüber hinaus über Ereignisse in der Geschichte alter Völker und Prophezeiungen, die erfüllt wurden, wie z.B. die Prophezeiung über den Ausgang des Kampfes zwischen den Persern und den Römern. Weder der Prophet Muhammad noch seine Gefährten oder die Anhänger der früheren Religionen hatten eine Ahnung von diesen Geschehnissen.

3.     Der Koran fordert auf zur Wissenschaft, zur Betätigung der Vernunft und zu einer rationalen Denkweise. Aufgrund dieser neuen Lehre konnten die Muslime in kurzer Zeit eine Kultur entwickeln, die an die Stelle alter Kulturen trat und mehrere Jahrhunderte in voller Blüte stand. Wenn der Koran tatsächlich nur von den Büchern der alten Religionen abgeschrieben worden wäre, müsste man sich fragen, warum diese Religionen nicht dieselben Richtlinien und Glaubensbekenntnisse des Islam beinhalten und warum sie nicht dieselbe Rolle, die der Islam gespielt hat, innehaben.

4.    Der Koran wird durch die Harmonie zwischen seinem Inhalt und seinem Stil gekennzeichnet. Wäre er aus anderen Büchern genommen, so wäre er widersprüchlich konstruiert und ohne klare Bedeutung, da er sich dann auf mehrere Quellen stützen würde. Dazu kommt die Tatsache, dass der Koran immer die Vernunft des Menschen anspricht. Er enthält keine Legenden oder Märchen, stützt sich auf Beweise und Erklärungen und verlangt dasselbe von seinen Gegnern:

    “Bringt doch euren Beweis vor”
    (2: 11 und 27:64)

Dieses Verfahren ist eine neue Methode, die keiner anderen Religion entnommen worden ist.

5.     In Bezug auf die heidnische Kultur der vorislamischen Zeit, die der Islam übernommen haben soll, ist es klar, dass der Islam nicht nur die falschen heidnischen Glaubensgrundsätze, sondern auch die verkehrten heidnischen Gebräuche abgelehnt hat. An ihre Stelle setzte der Islam einen aufrichtigen Glauben und ein tugendreiches Leben.